Chandos spricht mit Amanda über Onlinebusiness

Chandos und Palmer

Heute stand er plötzlich vor mir, ja, wirklich. In meinem Artikel Meine Lieblingszitate zum Thema Schreiben habe ich ihn bereits kurz erwähnt, den guten Lord Chandos. Und ich weiß, ja, er ist die Geißel der Germanstik-Studierenden auf dieser Erde, aber gemeinsam mit dem neuen Coversong von Amanda Palmer bringt er für mich auf den Punkt, was mich sprachlos (ge)macht (hat).

Lord Chandos und die modrigen Pilze

Da saß er nun der junge Hugo von Hofmannsthal und blickte auf sein leeres Blatt Papier. Seine Gedanken dröhnten im Kopf, die Worte sammelten sich und waren bereit, auf das Papier gegossen zu werden. Doch kaum machten sie sich auf Richtung Hand, passierte … NICHTS … die Hand blieb stumm, der Geist tobte. Hofmannsthal zweifelte.


„Ich fand es innerlich unmöglich, über die Angelegenheiten des Hofes, die Vorkommnisse im Parlament oder was Sie sonst wollen, ein Urtheil herauszubringen. Und dies nicht etwa aus Rücksichten irgendwelcher Art, denn Sie kennen meinen bis zur Leichtfertigkeit gehenden Freimut: sondern die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urtheil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.“

Ein Brief

Das lässt Hofmannsthal seinen Protagonisten Lord Chandos in „Ein Brief“ sagen. Es ist der fiktive Brief des jungen Autorengenies Chandos an seinen älteren Mentor Francis Bacon. Darin klagt er diesem sein Leid, denn nach dem ersten großen Erfolg herrscht nun seit zwei Jahren Stille.

Dieses Werk von Hofmannsthal scheint der Flohwalzer der Germanistikstudierenden zu sein, denn kaum eine/r kann dem Chandos-Brief während des Studiums entgehen.

Das Faszinierende daran ist höchstwahrscheinlich, dass der fiktive Hauptcharakter Philipp Lord Chandos Ähnlichkeiten zu Hofmannsthal aufweist. Einerseits in der Person, da beide schon sehr jung als Schreibgenies galten, andererseits in der Zeit.

Die Welt verändert sich

Im Wien der Jahrhundertwende spürten auch Hofmannsthal und seine Künstlerkollegen die Auswirkungen gravierender Veränderungen: das Anlaufen der Industrialisierung, die fortschreitende Elektrifizierung, der Kampf gegen das Epigonentum, nationale Konflikte im Habsburgerreich, etc.

Daher waren sie auf der Suche nach einer Sprache, nach einem Ausdrucksmittel, das dieser Realität gerecht werden kann. Konnte es das überhaupt geben?

Am Ende kommt Lord Chandos zu der Erkenntnis:

„Ich fühlte in diesem Augenblick mit einer Bestimmtheit, die nicht ganz ohne ein schmerzliches Beigefühl war, daß ich auch im kommenden und im folgenden und in allen Jahren dieses meines Lebens kein englisches und kein lateinisches Buch schreiben werde: und dies aus dem einen Grund, dessen mir peinliche Seltsamkeit mit ungeblendetem Blick dem vor Ihnen harmonisch ausgebreiteten Reiche der geistigen und leiblichen Erscheinungen an seiner Stelle einzuordnen ich Ihrer unendlichen geistigen Überlegenheit überlasse: nämlich weil die Sprache, in welcher nicht nur zu schreiben, sondern auch zu denken mir vielleicht gegeben wäre, weder die lateinische noch die englische, noch die italienische oder spanische ist, sondern eine Sprache, in welcher die stummen Dinge zuweilen zu mir sprechen, und in welcher ich vielleicht einst im Grabe vor einem unbekannten Richter mich verantworten werde.“

Ein Brief

Er werde so lange nicht mehr schreiben, bis die passende Sprache da wäre.
De facto wurden von den Künstlern zu der Zeit verstärkt andere Ausdrucksmittel wie Musik, Tanz, Malerei etc. genutzt.


Warum ich diesen Blogartikel heute schreibe? Weil auch ich die Möglichkeiten der Sprache in den letzten Wochen hinterfragt habe.

Die Worte fühlten sich leer, fahl, blass, zu wenig, hohl, überzogen, wertlos, inhaltslos, unpassend an. Durch die #blogdekade bin ich wieder ins Schreiben gekommen, wieder zu den Worten gekommen, die ich für mich als richtig und passend empfinde. Lord Chandos war mir nun zum ersten Mal näher als je zuvor.

Amanda Palmer und ihr Shitstorm-Coversong

In den letzten Tagen hat Amanda Palmer ein Cover von „Surface Pressure“ aus dem Disney-Film Encanto veröffentlicht. Für mich persönlich ist Amanda eines meiner Vorbilder punkto Authentizität, die Frau tritt für ihre Themen ein.

Hier findest du das Video und ihren Patreon-Post dazu.

Zuvor war das Lied auch schon auf Tiktok viral, und nachdem sie ihre Version davon veröffentlicht hat, gab es einen Shitstorm einiger Tiktoker.

Ich muss sagen, dass ich ihre Version, unabhängig von den Inhalten des Filmes, genial finde. Sie fängt emotional und stimmungstechnisch sehr gut die Spannungsfelder ein, in denen wir leben. Da ist zum Beispiel Ja sagen, Nein meinen, eigene Lebensentwürfe versus Erwartungshaltungen, gefühlte Schwäche versus gespielte Stärke, …

Ich bin davon überzeugt, dass diese Themen uns alle betreffen, jede/r von uns spürt im Alltag dieses Gefühl von „Bin ich gut genug?“ oder „Sollte ich das anders machen?“ und „Was denkt xxx wohl über mich?“

Diese temporären Gefühle zu kommunizieren, braucht eine Sprache, die ihnen angemessen ist.

Chandos + Surface Pressure = Onlinebusiness-Niemandsland

Ja, die Welt verändert sich, Unsicherheit und Angst kommen nun (gefühlt) näher zu uns, das wirkt sich auf unsere Sprache und unser Denken aus. Ich selbst habe diese Sprachlosigkeit in den letzten Wochen gefühlt, bei vielen anderen habe ich die großen Fragezeichen gespürt: Darf ich in dieser Zeit meine Produkte bewerben? Darf ich ganz „normale“ Social-Media-Postings machen? Was soll ich jetzt tun?

Momentan leben viele von uns in diesem Niemandsland, es gibt Druck von allen Seiten und wir müssen entscheiden, wie wir damit umgehen.

In den letzten zwei Jahren hast vielleicht auch du neue Wege beschritten, noch mehr Energie investiert, bist noch ein bisschen stärker geworden, und jetzt? Ja, was jetzt?

Ich versuche mich, von diesem Druck von außen zu lösen, und in meiner Sprache zu sprechen, die Worte zu finden, die dem entsprechen, was es für mich ist. Dabei hilft mir das persönliche Schreiben, denn es geht nicht immer nur ums Business!


„But wait, if I could shake

The crushing weight of expectations

Would that free some room up for joy?

Or relaxation? Or simple pleasure?“

— Surface Pressure

Du willst deine eigene Sprache finden, die Erwartungen abwerfen und neue Wege beschreiten, dann kannst du hier meinen Newsletter abonnieren mit Ideen, Texten und Aufgaben zu Storytelling und authentischem Schreiben.

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